München, den 7. Mai 2022, 19.30 Uhr

Soeben wurde in den Nachrichten erklärt, die Ukraine wolle zukünftig am 8. Mai der Opfer des Nationalsozialismus gedenken und wende sich deutlich ab von der seit Putins Zeiten üblichen Praxis den Sieg über Nazideutschland mit militaristischen Umzügen zu feiern.

Erinnerungskultur ist eine Art „Eintrittskarte“ für Europa, hat Tony Judt schon vor dem Mauerfall geschrieben. Später war er skeptisch, wie es weitergehen sollte, denn er sah, was in Ost und West aus Opportunismus verzerrt und weggelassen wurde und welch geringe Rolle der Gedanke der Annäherung auf Augenhöhe spielte. Außerdem störten sich Timothy Snyder und er daran, dass man lieber in seiner Komfortzone blieb als sich wirklich zuzuhören.

Mir gefällt in diesem Zusammenhang ein Aufsatz, den Zafer Senocak 1995 geschrieben hat. Darin fragt er sich, ob es nicht an der Zeit sei, die Realitäten für voll zu nehmen und aufgeklärt und kühl all den Grautönen zwischen Ost und West/Nord und Süd und Tätern und Opfern Ausdruck zu verleihen. Auf einem solchen Gemälde wären natürlich Gute und Böse zur selben Zeit überall.

Keiner würde dann akzeptieren, wenn durch Erinnern anderes verdeckt würde, denn sofort wäre das Geschrei groß, dass etwas fehlt. – Der Kaiser trägt seine Neuen Kleider nur so lange, solange nicht mindestens zwei Leute im Publikum begriffen haben, dass die Wirklichkeit nicht in einer Aussage serviert wird, sondern in vielerlei, einander widersprechenden Behauptungen gefunden werden muss.


Gedanken zum 8. Mai 1995

Mein Vater erlebte den Zweiten Weltkrieg am Radio.

1938 legten die Leute im Dorf, die etwas hatten, zusammen und kauften ein Radio und einen Lautsprecher. Es stand im einzigen Kaffeehaus unseres Dorfes. Man hörte Voice of Ankara oder Voice of Baku.

1941 stand Stalins Armee an der türkischen Grenze im Kaukasus. Gefühlt stand Russland schon in der Türkei. Die Regierung ließ die Grenzregionen evakuieren.

Hitler war hoch angesehen. Für die Sowjetunion hatte keiner was übrig. Hatte sie doch Finnland überfallen und Polen zwischen sich und Deutschland aufgeteilt. Im Ersten Weltkrieg hatten die Türken als Waffenbrüder mit Deutschen im Feld gestanden. Man erinnerte sich gern an die nüchtern zuverlässige Höflichkeit und das Organisationstalent der Deutschen.

Mein Großvater kämpfte im Ersten Weltkrieg an der türkisch-russischen Front. 1916 gerieten sein Vater und er in Gefangenschaft. Das Zarenreich ging unter und dafür entstand eine neue Welt auf russischem Boden. 

Alle Sympathisanten wurden in der Türkei als gottlose Gesellen angesehen. Freilich war auch die damalige türkische Republik ziemlich säkular. Aber die russischen Gottlosen wurden einhellig bekämpft. In der Türkei fand der Zweite Weltkrieg nicht statt. Mein Vater, Jahrgang 1926, gehörte zu der glücklichen Generation von Männern, die den Zweiten Weltkrieg ohne Kampferfahrung überstand.

Was bedeutet es für den Sohn, dass der Vater den Zweiten Weltkrieg am Radio erlebte?

Mein Vater gehörte damals schon zu jenen Menschen, die aus ihrer eigentlich unbeteiligten, von medial ausgesäten Nachrichten heraufbeschworenen Beteiligung eine Tugend machen. Mittlerweile sind wir ja alle unbeteiligte Beteiligte des einen oder anderen Kriegs geworden, Kriege, die sich mehr oder weniger weit weg von zu Hause abspielen.

Für meinen Vater brachte 1945 weder die Befreiung noch die Niederlage. Er war weder Opfer noch Täter. Ich denke, dass mir das einen kühlen Blick auf die Verhältnisse erlaubt.

Niemand zweifelt daran, dass alle von Nazi-Deutschland besetzten, verfolgten und unterworfenen Völker 1945 befreit worden sind. Aber keiner kann so leicht bestimmen, was in Deutschland los war.

War in Deutschland ein verbrecherisches Regime gestürzt und also ein Volk befreit worden? Oder war ein ganzes Volk, das sich mehr oder weniger komplett zum Komplizen der Kriminellen gemacht hatte, am 8. Mai 1945 in die Knie gezwungen worden?

Dass das Land und seine Bevölkerung nach all den Verbrechen wieder auferstehen konnte, kommt mir ehrlich gesagt wie eine kulturelle Leistung höchster Zivilisiertheit der Alliierten vor. Anscheinend war ihr Regiment nicht von Rachegedanken geleitet. Ihr Ziel war nicht die völlige Vernichtung ihres Feindes, sondern eher so etwas wie ein pragmatisches Resozialisierungsprogramm. Die Teilung Deutschlands spielte dabei jedenfalls nicht die Rolle einer erzieherischen Maßnahme. Sie war vermutlich so etwas wie ein eingepreister geopolitischer Nebenschauplatz. Sie ist Teil des doppelgesichtigen Europas, das wir die europäische Nachkriegsordnung nennen.

Halten wir also fest:  Deutschland war nach der Niederlage des „Dritten Reichs“ nicht nur in Ost und West geteilt. Es war auch innerlich geteilt: nämlich in Opfer und Täter. Die beiden Teilungen sind sehr ungleich bewertet worden und außerdem in Ost und West jeweils unterschiedlich miteinander verwoben gewesen. Es gab, kurz gesagt, nur Opfer.

In Westdeutschland wurde die Erinnerung an die Opfer kultiviert. Man wollte sich möglichst um die Opfer kümmern, um die Täter vergessen zu können. Die Beschäftigung mit den Opfern zog die gesamte öffentliche Aufmerksamkeit auf sich und bewahrte die Gedenkenden vor der größeren Herausforderung, in der Gegenwart mit den alten und den neuen Tätern umzugehen.

Manchmal hatten öffentlich zelebrierte Gedenkveranstaltungen für die Angehörigen der Opfer und die Überlebenden etwas übergriffig Obszönes. Teils wirkte es so, als rette die Erinnerungskultur den Falschen den Kopf.

Man schrieb die Opfer der Vergangenheit als ewige Erinnerungs-Opfer fest. Die öffentlichkeitswirksame Erinnerungskultur befreite die Opfer nicht. Sie machte sie zu Platzhaltern für Bedürfnisse der Täter. Das deutsche Wort für die Erinnerungskultur war lange Zeit „Vergangenheitsbewältigung“. Es beschreibt dieses krude Konzept treffend:  Das Gedenken macht die Opfer immer neu zu Opfern, und die Täter, die so ihre Vergangenheit bewältigen, befreien sich damit von ihrer eigenen Geschichte und der Verantwortung in der Gegenwart. Erinnerungskultur folgt methodisch-technischen Regeln.

Nicht alles, was möglich wäre, zählt dazu und wird als gewinnbringend dafür gesehen, mit der Vergangenheit abzuschließen. Die Frage muss erlaubt sein, ob die Prämisse mit dem zusammengeht, was wir unter Menschlichkeit verstehen. Kann sich einer selbst von der eigenen Geschichte befreien?

Was machen die Deutschen aber heute, im Jahr 1995, mit ihrer schwierigen Geschichte?

Interessanterweise wurde die Dringlichkeit dieser Frage nicht erst an diesem 8. Mai 1995 aufgeworfen, sondern bereits 1989/1990, als es um die Aufhebung der anderen Teilung Deutschlands ging.

Man kann seither sehen: Teile des wiedervereinigten, souveränen Deutschland haben es nicht mehr nötig, zu selbsttherapeutischen Zwecken in die Geschichte zurückzublicken.

Das Normalisierungsgerede macht seit der Wiedervereinigung die Runde. Vergangenheit ist ein Elixier zur Stärkung für die Zukunft geworden. Der Weg ist wieder frei, dass Geschichte ein Instrument der Machtpolitik sein kann. Vom Blick in die Vergangenheit lassen sich die Ansprüche an die Zukunft ablesen.

Unsere Bundesrepublik Deutschland heute hängt nicht mehr in Selbstbeschränkung auf eine bessere Zukunft hoffend und halb betäubt im Krankenbett herum wie noch zu Zeiten der Ost-West-Teilung.

Man kennt das ja von Patienten, die erst seit Kurzem genesen sind: sie schlagen alle Warnungen in den Wind und überschätzen sich wild. Allerdings zeigt allein die Zeit, wieviel Krankheit noch in dem Patienten steckt und ob es womöglich zu einem Rückfall kommt.

Deutschland heute ist in einer solchen Übergangsphase. Trotz aller Forschung wird Wesentliches erst jetzt entdeckt oder darf noch immer nicht wahr sein.

Die Zeitspanne von 1933 bis 1945 bleibt eine Wunde in der Erinnerung Deutschlands. Ist die Wunde tatsächlich vernarbt und gut verheilt?

Machen sich nun neue Scharlatane ans Werk, die die alten Gedenkzauberer ablösen, die über so lange Zeit mit fragwürdigen Zaubersprüchen die Entzündungen unsichtbar machten, die heimlich unter den Vernarbungen wucherten?

Jeder in Deutschland wird anerkennen: Das Jahr 1945 brachte die Niederlage eines Deutschlands, das sich als Kulturnation verstand.

Aber nicht jeder wird sich wahrscheinlich eingestehen, dass dieses sich selbst als „Kulturnation“ legitimierende Imperium erst 1933 mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler begann – und seither nicht mehr aus der Gedankenwelt Europas verschwand.  Verfolgung, Umsiedlung, Bestrafung und Eroberung haben seither eine andere Bedeutung.

Ich frage mich, ob diese Lehre aus der Geschichte von allen in diesem Land geteilt wird?

                Deutschland hat den Zweiten Weltkrieg 1945 verloren. Das Nazi-Regime wurde beseitigt. Die subtilen Folgen des Nationalsozialismus betreffen jedoch die heutige Gesellschaft noch immer.

                Hat der brutale Versuch der Nazis, ein ethnisch homogenes preußisch-deutsches Imperium zu schaffen,  wirklich nichts mit der mangelhaften Akzeptanz zu tun, die wir im Deutschland von 1995 beobachten  können, wenn es um die ethnische und kulturelle Diversität geht, die die Migration mit sich bringt?

Während des Erinnerns an die Opfer der Nationalsozialisten hat man bei denen, die es noch tun, heute das Gefühl, dass etwas wiederhergestellt werden soll, was zuvor verdorben war. Das Stichwort ist nun nicht mehr Bewältigung, sondern Wiedergutmachung.

Genauer gesagt: Es wird abgewogen, quantifiziert, versprochen und sich auf die Schulter geklopft. Es wird privilegiert und für zu leicht befunden, was nicht gegeneinander abgewogen werden kann.

In der in Täter und Opfer geteilten gesamtdeutschen Gesellschaft wird letzteren eine Geschäftsbeziehung aufgedrängt, in der sie die dankbaren Befreiten spielen sollen. Verschenkt wird da nichts.

Was sind die Folgen der deutschen Erinnerungspraxis?

Die Beweise dafür, dass die Bundesrepublik Deutschland kein unwirtlicher Ort für Nazis war, wurden und werden seit langem erbracht. Es ist seit langem bekannt, wer von ihnen nach kurzer Zurückhaltung die Karriere fortsetzen konnte. Ganze Bücher können allerdings mit dem gefüllt werden, was noch nicht genauer untersucht wurde.

Das wiedervereinigte Deutschland ist ein Land, in dem jedes Jahr tausende von Straftaten und brutale Übergriffe an Sachen und Personen stattfinden, weil sie Fremde sind oder sich als Juden zu erkennen geben.

Viele dieser Fremden leben seit langem in Deutschland – die wenigsten machen sich Gedanken über die Geschichte der Deutschen, denn sie kommen schlicht in dieser Geschichte nicht als einflussreich und bedeutend vor.

Ich möchte meinen Essay mit einer Warnung beenden. In Zeiten, in denen von der neuen Weltordnung die Rede ist, sollte man sich intensiver um einen klaren Blick auf die Realitäten der alten Weltordnung bemühen. Ansonsten droht Gefahr.

Schlafwandelnd würde man sonst Gefahren, die sich plötzlich als neue Bedrohung darstellen, nicht als das erkennen können, was sie sind: ein bloßes Wiedererscheinen des willentlich Zugedeckten.

Gerade das, was die Katastrophe verursacht hat, was nicht funktionieren konnte, wird sich auf diese Art neue Aufmerksamkeit verschaffen können. Es kommt nämlich denen, die sich weigern, Geduld für die Paradoxie von ehrlicher Auseinandersetzung aufzubringen, völlig aus der Zeit gefallen vor.

In Deutschland geht es 50 Jahre nach Kriegsende darum, Wege für die Erinnerung zu finden, die in die Gegenwart führen.  Es muss etwas anderes geben als stumme Denkmäler und Feierstunden, bei denen mit getragener Stimme Reden gehalten werden.

Zafer Senocak, 1995 aus: Atlas of a Tropical Germany, by Zafer Senocak, Essays on politics and culture, 1990-1998, translated by Leslie A. Adelson (Lincoln, Nebraska/London), retranslated by Andrea Schaal (2022)