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https://www.liberiaprojekt.de/fgm-in-liberia

Vor dem Bürgerkrieg war die Verstümmelung der weiblichen Genitalien nicht in allen liberianischen Kulturen verbreitet. Der 14 jährige Bürgerkrieg ruinierte jedoch nicht nur die sachliche Infrastruktur wie Straßen, Schulen und Wasser- sowie medizinische Versorgung, sondern auch die kulturelle Infrastruktur der Menschen.

Kultur ist die menschengemachte zweite Natur, ohne die niemand leben kann. Kern jeder Kultur ist das Vertrauen und die Solidarität der Menschen, denn nur ihre Kreativität lässt sie stärker erscheinen als die Tiere und andere Gefahren aus der Natur.

Liberia ist Heimat zahlreicher und vielfältiger Kulturen.

Mit der Landnahme der liberianischen Republik um die Wende zum 20. Jahrhundert und das zunehmende geopolitische Interesse der USA an dieser besonderen Kolonie ehemaliger Sklaven wurde es für die Einheimischen Ethnien schier unmöglich, ihre Lebens- und Wirtschaftsweise weiterhin zu behaupten.

Zuerst sorgte die Monetarisierung durch Arbeitsplätze bei Firestone und in anderen Firmen für einen tiefgreifenden Generationenkonflikt in den Clans und Familien. Der Ausbau der Staatsverwaltung schuf landesweit eine zweite Machtstruktur, die parallel und im Gegensatz zur traditionellen, religiös verankerten Struktur, aufgebaut wurde.

Dieser neue Nationalstaat kam mit einer verbindenden Sprache (Kolloqua, Vernicular English) und einer vor allem für junge Menschen attraktiven global eingebundenen Konsum- und Bildungskultur daher. Im ganzen Land verschoben sich die Machtverhältnisse verschoben hin zu korruptionsfreundlichen Eliten.

Wer gut mit der Regierung zusammenarbeitete, kam am besten weg.

Das Gesetz diente der Unterdrückung und sorgt bis heute dafür, dass Polizei und Staatsorgane nicht als Beschützer, Garanten von Recht und Ordnung, sondern als Vertreter der Ungerechtigkeit und Unterdrückung gesehen werden. Das Gesetz wurde so Teil des Problems, statt Teil einer Lösung.

Schließlich machte sich auch in Liberia die für alle europäischen Kolonien typische gesellschaftliche Spaltung breit: Zwischen Bürgern und Regierung liegen Welten. Es ist ein hochkomplexes kulturelles Konstrukt entstanden, in dem Korruption endemisch ist. Es gibt unglaublich viel Schönes, Richtiges und Projekte, die mit großem Aufwand zum Gelingen gebracht werden. Doch der Kampf vieler aus der Elite gegen die Emanzipation der Zivilgesellschaft, führt dazu, dass sehr viele Menschen alles richtig machen, aber nur sehr selten dauerhaft Richtiges dabei herauskommt.

Frauen beendeten den Liberianischen Bürgerkrieg. Leymah Gbowee und Ellen Johnson-Sirleaf erhielten den Friedensnobelpreis. Heute jedoch ist das Patriarchat wieder vollständig zurück. Nicht einmal das Verbot der Female Genital Mutilation konnte durchgesetzt werden.

Zur Erinnerung hier der Trailer zur Doku von Gini Reticker, 2008: https://www.youtube.com/watch?v=Y0fZ01lX0f0

(Diese und mehr substantielle Information zur Struktur der liberianischen Gesellschaft findet man eindrucksvoll bei Stephen Ellis, The Mask of Anarchy, 2007)

Zu FGM schreibt die deutsche Wikipedia:

In einigen Ländern, in denen Beschneidung traditionell verbreitet ist, bestehen gesetzliche Verbote, so in Ägypten (seit 2007 vollständiges Verbot), Benin (seit 2005),Burkina Faso (1997), Dschibuti (1995), der Elfenbeinküste (1998), Eritrea (2007),Ghana, Guinea (1969),Senegal (1999), Niger, mehreren – jedoch nicht allen – Bundesstaaten Nigerias, in Tansania, Togo, Tschad, Uganda (2009) und der Zentralafrikanischen Republik, Sudan (2020).

In vielen Hauptverbreitungsgebieten haben große Teile der Bevölkerung keinen Bezug zu einem modernen (nationalen) Rechtssystem. Nationale Gesetze sind auf lokaler Ebene oft unbekannt, die Haltungen traditioneller Autoritäten sind für die Bevölkerung von weit größerer Bedeutung. Die Menschen identifizieren sich nicht mit der nationalen Gesetzgebung und fühlen sich somit auch nicht verpflichtet, sich danach zu richten.

Die aus dem westafrikanischen Guinea stammende Aktivistin Hadja Kitagbe Kaba schätzte im Februar 2012 gegenüber Deutschlandfunk ein:

„Die Gesetze oder Polizeikontrolle bringen gar nichts. Diese Beschneidung ist bei mir verboten seit 1969. Seit 40 Jahren. Aber 90 Prozent sind beschnitten. Und dieses Jahr 100 Prozent – alle Mädchen in meiner Region sind beschnitten.“

– Hadja Kitagbe Kaba, Mama Afrika e. V. Berlin

Es hat vielfältige Gründe, warum es liberianische Mütter noch immer zulassen, dass ihre Mädchen von Geheimbünden abgeholt und in der Buschschule beschnitten werden.

Ellen Johnson Sirleafs Regierung hat viele Anläufe unternommen, dass das Gesetz dazu verwendet wird, die Frauen vor ihrer eigenen Gesellschaft zu schützen. Ihre Verordnung lief 2019 aus – ein Gesetz zur strengen Bestrafung von FGM wurde noch nicht ratifiziert.

In Sierra Leone, das historisch eng mit Liberia verbunden ist, lehnte es das Parlament 2007 ab, die Praxis unter Strafe zu stellen.

Data and Facts about FGM in Liberia.

Source:

Thomson-Reuters-Foundation: Let’s end it. Continue now reading in English

Read more, what a Liberian man writes about the situation in 2021.


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