Wo aus jeder Antwort eine neue Frage wird


Vortrag von Faried Adrom am Pestalozzi-Gymnasium am 20.10.2022

Unsere mehr als 120 Sechstklässler*innen ließen sich von unserem Gast Faried Adrom in das Reich der abenteuerlichen Ausgrabungen und Eroberungen entführen.

Es war eine Reise in die Welt intellektueller Scheingewissheiten.

Im ersten Teil berichtete unser Ägyptologe über die Entwicklung der Ägyptologie vom Steckenpferd der Kolonialmächte im 19. Jahrhundert zur komplexen und selbstreflexiven Wissenschaft im 21. . Im zweiten Teil ging es um seine Erlebnisse während der Ausgrabungen seiner Forschergruppe in Qantir-Piramesse, Tuna el-Gebel, Theben (Kom e-Hettan und Tal der Könige). Wir spürten alle seine Hingabe an die Idee und dass es sich lohnt, Frustrationen zu überwinden, wenn man erkannt hat, dass Arbeit und Kosten bedeutungslos werden, wenn das lange verfolgte Ziel schließlich erreicht sein wird.

Gibt es noch was Neues in der Ägyptologie?

Man könnte meinen, dass es nichts Neues mehr geben kann über die alten Ägypter, weil wir ja schon so viel wissen. Die Ägyptologie als Wissenschaft entstand erst mit dem Ägyptenfeldzug Napoleons. Von da an grub und erforschte man wie wild, versuchte strukturieren und zerstörte doch sehr viel. Die Forscher damals schenkten dem Nebensächlichen und den Informationen der Einheimischen wenig Aufmerksamkeit und konstruierten ihre Geschichten so, wie man eben am Ende des 19. Jahrhunderts in Europa dachte.

Statt Ägypten entdeckte man also Euro-Ägypten und dachte entsprechend, es gäbe nun nichts Neues mehr zu erforschen.

Darüber lachen wir heute, denn wir stellen fest, dass auch schon Herodot, der von 490-430 v.Chr. lebte, sein Werk mit der Feststellung beschloss, dass er alles Wichtige über die Ägypter aufgeschrieben hätte.

Das ist jedoch ein gefährlicher Irrglaube. Gefährlich, weil diejenigen, deren Schätze von anderen ausgebeutet werden, die Macht über die wahre Bedeutung der Funde umso schwerer zurückgewinnen können, je überzeugender die Geschichten derer sind, die die Schätze geplündert haben.

Warum erfindet jede Forschergeneration die Ägyptologie wieder neu?

Spoiler: Weil sich die Forschenden verändern.

Uns interessieren ganz andere Dinge als die Menschen, die im 19. Jahrhundert mit der Ägyptologie begannen. Wir haben nicht nur andere technische Möglichkeiten, wir können auch andere Schlussfolgerungen ziehen und wir wissen bereits so viel, dass wir manches widerlegen können, was vorher steif und fest als Wahrheit behauptet wurde. Deshalb leben wir in unsicheren Zeiten.

Ein Beispiel sind die magischen Bilder in den ägyptischen Gräbern. Wir wissen heute, dass die Ägypter ein anderes Verhältnis zum Bild und zur Schrift hatten als wir heute. Sie bauten in ihre Inschriften Bilder wie Illustrationen ein. Es sieht aus wie Schrift und ist ein Bild oder umgekehrt.

Wie soll man so etwas je wirklich lesen und verstehen können?

Wir können das Mind-Set der alten Ägypter kaum jemals nachvollziehen. Eins ist aber mittlerweile erwiesen: bei den Inschriften und Gemälden handelte es sich nicht um Sachtexte, sondern um Kunst. Man darf ihre Aussage nicht wörtlich nehmen, sondern muss sie als Metaphern verstehen. Deshalb tauchen in verschiedenen Gräbern auch ähnliche Bilder auf. Im einen Fall bedeuten der Streitwagen und die Zahlen besiegter fremder Krieger, dass es einen Feldzug gegeben hat, im anderen Fall bedeutet dieselbe Bildkomposition nur, dass nach unruhigen Zeiten wieder innerer Frieden hergestellt wurde.

Weder wurden die Frisuren so getragen wie dargestellt, noch stimmen andere Details – wir machen also automatisch Fehler beim Lesen, die gar nichts mit dem Entziffern der Schrift selbst zu tun haben.

Solche Erkenntnisse haben wir noch gar nicht lange. Sie beweisen, dass sehr viel, was vorher als unumstößliche Wahrheit galt, eine ungerechtfertigte Vermutung war.

Man kann sagen, dass die Ägyptologie ein Prozess ist, in dem Vorurteile festgehalten, begründet und dann widerlegt werden. An diesem Aufklärungsprozess kann sich jeder beteiligen. Auch du!

Was ist deine Antwort auf folgende Fragen:

Wäre es besser, die Sachen gleich unter der Erde zu lassen?

Wie sollen wir mit den Funden umgehen?

Wie sollen Museen gestaltet sein, dass die Geschichte für alle Menschen unserer Gegenwart eine Bedeutung bekommte?

Kann uns Virtual Reality helfen, besser zu verstehen?