Gedanken zur Bedeutung von Aufklärung zum 9. Mai 2022

„Wir wollen gar keine Antwort, sondern wir wollen die Frage vergessen.“ Max Frisch, 1946

Timothy Snyder hat 2019 in seiner Rede an die Europäer auf dem Wiener Judenplatz eindringlich zusammengefasst, weshalb Bildung in Europa Globales Lernen sein muss.

Das europäische Modell politischer Kooperation zwischen Staaten bei gleichzeitiger Verschränkung der menschlichen und der Handelsbeziehungen ist eine richtig gute Antwort auf den Imperialismus. Wie Timothy Snyder in seiner Rede sagte, die bisher einzige. Seine Worte sind ein Appell an uns alle, die Mühen unserer pluralistischen Ordnung nicht der Bequemlichkeit einfacher Erklärungen zu opfern.

Er konnte damals noch nicht wissen, was ab dem 24.2.2022 in Europa los sein würde und gibt doch eine Antwort auf die aktuellen Herausforderungen. Nicht Feindbilder und Mythen, nicht Propaganda, sondern die Realitäten – und was wir aus ihrer Kenntnis schließen können – weisen die Richtung. Man muss sich nur trauen, die Fakten zu benennen und Kontroversen auszuhalten. Nirgends steht geschrieben, dass Geschichte immer nur zur Rechtfertigung der Gegenwart dient – auch wenn sie dafür immer wieder herhalten muss.

Dieser Historiker macht vor, wie man Vergangenheit lesen kann, um besser zu verstehen, ohne Feindbild auszukommen und Gestaltungsräume für die Zukunft zu schaffen.

Es gibt einen Platz für Globales Lernen in unseren Schulen!

Da Menschen sich ihre Geschichten immer passend so konstruieren, dass eine schlüssige Geschichte ihrer selbst daraus wird und weil sie das auch dann schon üben, wenn das zugrundeliegende Faktenwissen noch sehr rudimentär ist, dürfen wir Lehrerinnen und Lehrer, wir Eltern, Onkel und Tanten, wir Nachbarn und Erzieher von Jugendlichen uns niemals darauf beschränken, bloß kanonisiertes Wissen und erwartete Leistungen abzufragen.

Das bringt den Gehorsam durch die Hintertür wieder in die Schulen zurück, die doch eigentlich der Demokratie verpflichtet sind – zum Beispiel, indem sie vom Pluralismus leben. Das Lernergebnis ist mehr als die Summe der Einzelstunden, der einzelnen Lehrpersönlichkeiten, des einzelnen Schuljahres. Manchmal ist wichtiger, was am Rande passiert – ja, es ist sogar nicht ausgeschlossen, dass in einem Schuljahr, bei dem fachfremd Unterrichtende den Unterricht übernommen haben, mehr gelernt wird, als sonst. Warum? Wird das leichter behalten, wofür man eine Mitverantwortung trägt?

Wenn wir es mit dem Optimierungs-Perfektionismus übertreiben, hängen wir nicht nur einige kluge Geister ab, die sehr wohl etwas beizutragen hätten, aus diversen Gründen aber nicht so funktionieren, wie es die standardisierte Bewertung in Schule oder Familie misst. Wir bewirken außerdem bei unseren Lernenden höchste Sensibilität gegenüber Verletzungen der eigenen Erwartungen. Das führt leicht zur Verwechslung fremder Ansprüche mit den eigenen Bedürfnissen und Wünschen. Wer will das schon?

Die Idee:

Globales Lernen schenkt Gelegenheiten, sich der eigenen Perspektive bewusst zu werden und andere gleichzeitig zuzulassen. Die Workshop-Methode und das philosophische Gespräch sind faktenbasiert und bewusst kontrovers. Sie sind auch empathisch und bewusst rational, sodass es sich lohnt Lebenszeit in eine solche Lernzeit zu verwandeln. Globales Lernen fragt nach dem Preis, den das hat, was wir tun oder lassen und regt dazu an, Alternativen zu sehen.

Die Demokratie ist die einzige denkbare Antwort auf die Fragen dieser Zeit und dieser Welt – aus einem ganz einfachen Grund: Weil die Demokratie selbst keine Antwort enthält! Weil sie ausschließlich einen zivilen, praktikablen Rahmen bietet und gewährleistet für fortwährendes Fragen. Frank A. Mayer, Publizist, 2004 anlässlich der Verleihung des Hanns-Joachim-Friedrichs Preises

Lesen Sie hier den ganzen Appell von Frank Mayer an sein journalistisches Publikum und uns Bürgerinnen und Bürger einer Weltregion, deren demokratische und sozial ausgleichende Gegenwart sich wesentlich brutaler militärischer Intervention gegen international verbündete Diktatoren verdankt.